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🧭 Weg von Big Tech: Wo ich nach 8 Monaten wirklich stehe

🌱 Einstieg

In den letzten Monaten habe ich eine Entscheidung umgesetzt, die ich lange eher als theoretische Idee vor mir hergeschoben habe: so weit wie möglich auf Software und Dienste außerhalb von Big Tech zu wechseln.

Der Auslöser war nicht nur politisch, auch wenn die aktuelle Entwicklung in den USA für mich eine Rolle spielt. Stärker war für mich das Gefühl, dass sich Abhängigkeiten still verfestigt haben. Die großen Plattformen sind nicht mehr nur Anbieter, sondern bilden die Grundlage für vieles, was darauf aufsetzt.

Gleichzeitig kommt eine neue Ebene dazu. KI wird gerade in nahezu alle Produkte integriert, oft ohne echte Möglichkeit, das überhaupt auszuschalten. Vieles passiert inzwischen im Hintergrund, ohne dass ich genau nachvollziehen kann, was eigentlich mit meinen Daten geschieht.

Ich wollte für mich klären, wie weit ich mich davon lösen kann, ohne den Alltag unnötig kompliziert zu machen. Vielleicht stellst du dir eine ähnliche Frage, auch wenn die Motivation eine andere ist.

Acht Monate später ist die Antwort weniger eindeutig, als ich am Anfang erwartet hätte. Genau darum geht es im Folgenden: nicht um eine perfekte Lösung, sondern um die Frage, was tatsächlich funktioniert, wo es schwierig wird und wo die Grenzen liegen.


🧭 Einordnung: Warum dieser Weg

Bevor ich in konkrete Beispiele gehe, möchte ich den Rahmen kurz einordnen: Dieser Artikel ist kein Versuch zu zeigen, dass man komplett ohne Big Tech auskommen kann.

Den eigentlichen Umstieg mit vielen einzelnen Diensten, Tools und Entscheidungen habe ich an anderer Stelle bereits ausführlicher beschrieben. Hier geht es bewusst nicht noch einmal um die ganze Breite meiner damaligen Bestrebungen, sondern um die Erfahrung danach.

Mein Ziel war ein anderes. Ich wollte mich bewusst von Big Tech lösen und Alternativen finden, die im Alltag wirklich funktionieren. Dabei ging es mir nicht nur um politische Distanz, sondern auch um Entscheidungen und Entwicklungen einzelner Unternehmen, mit denen ich mich nicht identifizieren kann. Gleichzeitig spielen Abhängigkeiten eine Rolle, die oft erst sichtbar werden, wenn man versucht, sie zu reduzieren.

Oft wird angenommen, dass ein Ausstieg praktisch unmöglich ist. Nach acht Monaten würde ich sagen: Das stimmt so nicht, aber es ist auch deutlich anstrengender, als es auf den ersten Blick wirkt.

Gleichzeitig war mir von Anfang an klar, dass meine Entscheidung als einzelne Person keinen messbaren Einfluss hat, sie für mich persönlich aber trotzdem relevant ist.

Trotzdem hat sich etwas verändert. Ich merke im Alltag, dass es sich anders anfühlt, ein Produkt zu nutzen, hinter dem ich eher stehen kann. Dieser Unterschied ist nicht rational messbar, aber er ist spürbar genug, um den Aufwand für mich zu rechtfertigen.

Dieser Guide zeigt meinen Weg. Es gibt andere Wege, die an manchen Stellen einfacher oder konsequenter sind. Ich habe mich bewusst für einen pragmatischen Ansatz entschieden, bei dem ich Aufwand und Alltagstauglichkeit gegeneinander abgewogen habe.

Von dort aus hat sich dann relativ schnell die Frage ergeben, wie ich diesen Anspruch konkret umsetzen will.


⚙️ Ausgangspunkt: Was ich eigentlich erreichen wollte

Nach den ersten Überlegungen war für mich relativ schnell klar, dass ich dieses Ziel nicht radikal umsetzen will. Ein kompletter Ausstieg aus Big Tech klingt im ersten Moment konsequent, würde meinen und vermutlich auch deinen Alltag aber an vielen Stellen unnötig verkomplizieren.

Mir ging es eher darum, Abhängigkeiten sichtbar zu machen und dort zu reduzieren, wo es ohne großen Bruch möglich ist. Ich wollte verstehen, welche Dienste ich wirklich brauche und an welchen Stellen ich mich vielleicht aus Bequemlichkeit in einem Ökosystem bewege, ohne es zu hinterfragen.

Der Rahmen war dabei bewusst pragmatisch gesetzt:

  • Alltagstauglichkeit behalten
  • Wechsel nur dort, wo der Aufwand vertretbar bleibt
  • keine dogmatischen Entscheidungen

Mit dieser Ausgangslage bin ich in den Versuch gestartet, ohne immer genau zu wissen, wie weit ich damit komme.


✅ Was überraschend gut funktioniert hat

Ich greife im Folgenden bewusst nur einige Beispiele heraus. Nicht alles, was im ursprünglichen Umstieg eine Rolle gespielt hat, ist für die Einordnung in diesem Artikel gleich wichtig.

Ein Teil der Umstellung war deutlich unspektakulärer, als ich es erwartet hätte. Gerade bei Tools, die meist nicht tief in andere Dienste eingebettet sind, lässt sich ein Wechsel relativ ruhig umsetzen.

🧩 Beispiele mit wenig Reibung

  • Firefox [international, FOSS]
    Der Wechsel vom Standard-Browser war schnell erledigt und im Alltag kaum spürbar. Die Nutzung fühlt sich vertraut an, ohne dass ich das Gefühl habe, auf etwas Wesentliches zu verzichten.
    => Warum ich auf Firefox-basierte Browser setze – und den großen Konzernen nicht mehr traue
  • Proton Mail [Schweiz, OSS]
    Der Wechsel war spürbarer als beim Browser, weil E-Mail tiefer im Alltag steckt. Während der Migration und in den ersten Tagen muss man etwas genauer hinschauen, ob alles passt und gegebenenfalls die Einstellungen noch optimieren. Danach läuft es im Alltag wie gewohnt.
    In der Praxis hat sich gezeigt, dass es sich lohnt, diese erste Phase bewusst einzuplanen, weil danach kaum noch zusätzlicher Aufwand entsteht.
  • Filen [Deutschland, (teilweise?) OSS]
    Beim Cloud-Speicher hätte ich gedacht, dass sich die ganze Sache schwieriger gestaltet, als es rückblickend gewesen ist. Auch wenn Filen noch keinen externen Audit durchlaufen hat, hat sich in der Praxis gezeigt, dass es sämtliche Features mitbringt, die Nutzer von Google Drive erwarten. Dazu läuft es systemübergreifend stabil und ist trotz Ende-zu-Ende-Verschlüsselung überraschend schnell.
    => Warum ich nach sieben Monaten bei Filen geblieben bin

🧠 Einordnung

Diese Beispiele haben ein gemeinsames Muster. Fast überall dort, wo ein Dienst für sich steht und keine tiefe Verzahnung mit anderen Systemen hat, ist ein Wechsel deutlich einfacher als gedacht.


⚠️ Wo es deutlich anstrengender wurde

An anderen Stellen hat sich ein anderes Bild gezeigt. Es gibt Bereiche, in denen sich erst im Alltag zeigt, wie stark Gewohnheiten und Systeme miteinander verknüpft sind.

🔄 Tools, die den Alltag prägen

  • Notizen: Google KeepStandard Notes (gehört zu Proton: Schweiz, aber HQ in US. OSS)
    Ein direkter Umzug ist theoretisch möglich, etwa über Export und Import. In der Praxis gehen dabei aber häufig Formatierungen verloren, und Inhalte wie Bilder werden nicht zuverlässig übernommen. Sinnvoller ist es, für eine Zeit im Doppelbetrieb zu arbeiten. Neue Notizen entstehen direkt in Standard Notes, wichtige Inhalte aus Google Keep übernimmst du nach und nach per Copy & Paste. So entsteht kein Bruch im Alltag, und du kannst dich schrittweise an das neue Tool gewöhnen.
    Dieser schrittweise Wechsel nimmt Druck raus und funktioniert in der Praxis deutlich stabiler als ein einmaliger Komplettumzug. => Warum ich heute auf Standard Notes setze – und nicht mehr auf Notion, Keep oder OneNote
  • Kalender: Google KalenderProton Calendar [Schweiz, OSS]
    Der Umzug selbst ist vergleichsweise unkompliziert. Termine lassen sich exportieren und wieder importieren, und die grundlegende Nutzung ist vertraut genug, um ohne großen Bruch weiterzuarbeiten.
  • Fotos: Google FotosZeitkapsl [Österreich, OSS]
    Zeitkapsl ist eine noch recht junge, europäische und Ende-zu-Ende-verschlüsselte Alternative zu Google Fotos. Der Einstieg ist inzwischen deutlich einfacher geworden. Über die Desktop-App lässt sich ein Export aus Google Fotos direkt importieren, und auch automatische Backups vom Smartphone funktionieren im Alltag zuverlässig. => zeitkapsl: Die sichere, europäische Alternative zu Google Fotos

    Im Vergleich merkt man aber schnell, wo die Unterschiede liegen. Viele der automatischen KI-Funktionen und Bearbeitungsmöglichkeiten fehlen oder sind deutlich weniger ausgeprägt. Das macht sich vor allem bei der Suche und beim Wiederfinden von Inhalten bemerkbar und kostet im Alltag spürbar mehr Zeit.

🧠 Einordnung

Diese Unterschiede wirken auf den ersten Blick klein, im Alltag summieren sie sich aber spürbar. Der Aufwand entsteht nicht durch einzelne Funktionen, sondern durch Gewohnheiten, die über Jahre gewachsen sind.

Je zentraler ein Tool im eigenen Alltag ist, desto mehr geht es beim Wechsel um Umstellung im Kopf.


🏗️ Die eigentlichen Grenzen

Nach einigen Monaten wurde für mich ein Punkt klar, der sich nicht durch Tool-Wechsel lösen lässt. Gleichzeitig hat sich an anderer Stelle etwas gezeigt, das ich so nicht erwartet hätte.

🌐 Infrastruktur

  • Viele Dienste wirken unabhängig, laufen im Hintergrund aber auf Infrastruktur großer US-Anbieter. Selbst wenn die Oberfläche europäisch ist, liegt die technische Basis oft weiterhin bei Big Tech.

🤖 KI-Ökosystem

  • Gerade im KI-Bereich wird das besonders sichtbar. Auch Anbieter aus Europa bauen ihre Lösungen häufig auf bestehenden Plattformen und Modellen auf, die aus dem Umfeld der großen Tech-Konzerne kommen.

🧮 Hardware

  • Auch für das Trainieren und den Betrieb von europäischen KI-Angeboten wie Le Chat von Mistral [Frankreich] oder dem neuen KI-Cluster derTelekom in München [heise] kommt man an leistungsfähigen GPUs von Anbietern wie Nvidia, AMD und anderen kaum vorbei.

🧠 Einordnung

Das führt zu einer Erkenntnis, die ich am Anfang so nicht klar hatte. Der Wechsel weg von Big Tech ist auf Anwendungsebene oft möglich, auf Infrastrukturebene jedoch nur sehr begrenzt.

Viele Alternativen verschieben die Nutzung, bleiben im Hintergrund aber weiterhin an die Systeme der großen Anbieter gebunden. Für mich hat das vor allem bedeutet, die eigenen Erwartungen anzupassen und nicht an jeder Stelle vollständige Unabhängigkeit zu erwarten.


🔍 Was mich am meisten überrascht hat

Der Aufwand beim Wechsel selbst war für mich keine Überraschung. Wer regelmäßig neue Tools ausprobiert, weiß, dass man sich umstellen muss und dass das Zeit kostet.

Was sich für mich deutlicher gezeigt hat, ist etwas anderes. Der Aufwand steht nicht immer in einem guten Verhältnis zu dem, was am Ende tatsächlich dabei herauskommt.

⚖️ Aufwand vs. Wirkung

Gerade im KI-Bereich ist mir das aufgefallen. Man wechselt von ChatGPT oder Gemini zu Le Chat von Mistral, beschäftigt sich mit den Eigenheiten und passt die eigene Nutzung an.

Auf den ersten Blick wirkt das wie ein Schritt weg von Big Tech. Wenn man genauer hinschaut, verschiebt sich die Abhängigkeit aber oft nur.

  • Der Wechsel kostet Zeit und Aufmerksamkeit
  • die Nutzung verändert sich spürbar
  • die grundlegende Abhängigkeit bleibt trotzdem bestehen

🧠 Einordnung

In manchen Bereichen fühlt sich das irgendwann wie eine Sackgasse an. Man kommt einen Schritt voran, merkt dann aber, dass die eigentliche Ebene dahinter unverändert bleibt.

Für mich war das die wichtigste Erkenntnis in diesem Prozess. Es geht nicht nur darum, ob ein Wechsel möglich ist, sondern auch darum, was sich dadurch tatsächlich verändert.


🧱 Warum ich nicht selbst hoste

An einer Stelle bin ich zwangsläufig bei der Frage gelandet, warum ich nicht einfach selbst hoste. Die Argumentation ist nachvollziehbar: Mit Tools wie Nextcloud oder Immich und etwas Infrastruktur lässt sich vieles selbst betreiben und die Abhängigkeit deutlich reduzieren.

Ich habe mich bewusst dagegen entschieden.

⚙️ Mehr Kontrolle bedeutet auch mehr Verantwortung

Selbsthosting verschiebt die Kontrolle zu mir. Gleichzeitig verschiebt sich aber auch die Verantwortung:

  • Updates und Wartung
  • Backups und Ausfallsicherheit
  • Sicherheit und Zugriff

Das sind keine einmaligen Aufgaben. Sie laufen dauerhaft mit und werden Teil des eigenen Systems.

🧠 Mein persönlicher Rahmen

Für mich hätte das den Rahmen dieses Versuchs gesprengt. Mein Ziel war es nicht, meine eigene Infrastruktur zu betreiben, sondern bestehende Abhängigkeiten im Alltag zu reduzieren.

Ich möchte meine Tools nutzen, nicht sie betreiben.

Das ist kein grundsätzlicher Einwand gegen Selfhosting. Für viele ist genau das der richtige Weg. Für mich hätte es bedeutet, eine Abhängigkeit gegen eine andere einzutauschen, nur mit deutlich mehr eigenem Aufwand.

🔍 Einordnung

Der entscheidende Punkt ist für mich kein technischer, sondern ein praktischer. Es geht darum, wie viel Zeit und Verantwortung man im Alltag übernehmen möchte.

Ich habe mich hier bewusst für einen Mittelweg entschieden. Weniger Abhängigkeit, ohne selbst zum Betreiber der eigenen Infrastruktur zu werden.

Wenn du für dich eine noch größere Unabhängigkeit erreichen willst, kann Selfhosting ein sinnvoller Weg sein. Vorausgesetzt, du bist bereit, die damit verbundene Verantwortung dauerhaft zu übernehmen.


🧭 Meine Einordnung nach 8 Monaten

Nach all diesen Erfahrungen ist mein Fazit nach acht Monaten weder besonders radikal noch eindeutig.

Es ist möglich, sich in vielen Bereichen von Big Tech zu lösen. Gerade bei einzelnen Anwendungen funktioniert das besser, als ich erwartet hätte.

Gleichzeitig gibt es klare Grenzen. Infrastruktur, KI und grundlegende Technologien bleiben stark von wenigen großen Anbietern geprägt. Diese Abhängigkeit lässt sich im Alltag kaum vermeiden.

Es gibt Bereiche, die im ursprünglichen Umstieg viel Raum eingenommen haben und trotzdem nicht gut in diese Einordnung passen. Sie hängen an zu vielen eigenen Erfahrungen, um sie hier nur nebenbei mitzunehmen. Einige davon habe ich bereits in eigenen Artikeln aufgegriffen, etwa zu macOS, ChromeOS oder einzelnen Diensten wie Zeitkapsl und Filen.

⚖️ Mein Umgang damit

Ich habe gelernt, bewusster zu unterscheiden:

  • Wo ein Wechsel ohne großen Aufwand möglich ist
  • wo er spürbare Reibung erzeugt
  • und wo er aktuell keinen echten Unterschied macht

Ich habe mich nicht vollständig gelöst. Das war ursprünglich durchaus mein Anspruch, mir war aber von Anfang an klar, dass das nur mit spürbaren Einschränkungen und zusätzlichem Aufwand möglich wäre. In manchen Bereichen gibt es schlicht keine echten Alternativen. Was sich verändert hat, ist mein Umgang damit.

Ich treffe Entscheidungen heute bewusster und nehme in Kauf, dass nicht jede davon maximal effizient ist. Dafür fühlt sich ein Teil meines digitalen Alltags stimmiger an.

Ich werde einige dieser Themen weiter vertiefen. Hier geht es jedoch bewusst um eine übergreifende Einordnung.

❓ Offene Frage

Ob sich dieser Weg lohnt, hängt stark von den eigenen Prioritäten ab. Für mich passt er im Moment, auch wenn er nicht in allen Bereichen konsequent ist.

Die spannendere Frage ist für mich inzwischen eine andere: An welchen Stellen lohnt sich dieser Aufwand wirklich – und wo nicht?


Über den Autor: Hi! Ich bin Marcel. Hauptberuflich arbeite ich als IT-Projektmanager und lebe aktuell in Hamburg. Neben dem Bloggen reise ich gerne. Wenn ich nicht zu faul bin, treibe ich Sport. Wenn ich mich entspannen will, schaue ich mir gerne Inhalte auf Netflix und YouTube an oder höre SoundCloud und spiele parallel dazu z.B. Diablo 3. 🙂

Moi

Ich habe diesen Blog im Jahr 2018 gestartet, um über meine Erfahrungen im IT-Bereich zu berichten. Denn ich helfe gerne anderen Menschen. Derzeit bin ich mit keinem Betriebssystem so richtig zufrieden und bevorzuge Software, die überall läuft. Am liebsten als Web-App mit Ende-zu-Ende-Verschlüsselung.

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