🧭 Wie viel meiner Entscheidung war Politik – und was ändert sich nach den Midterms?
🌿 Warum ich das jetzt frage

Vor knapp eineinhalbjahren habe ich begonnen, mich systematisch von US-Big-Tech zu lösen. Der Auslöser war nicht ein einzelnes Produkt, das mich gestört hat, sondern eine Summe von Entwicklungen: die neue US-Administration, die ich in wesentlichen Teilen nicht mittrage, Monopolstrukturen, die sich weiter verfestigt haben, und eine KI-Integration, die ich zunehmend als erzwungen empfinde. In mehreren Artikeln habe ich diesen Weg beschrieben – vom Google-Fan und ChromeOS-Verteidiger über den bewussten Umstieg und die Ernüchterung bei der Suche nach der perfekten Alternative bis hin zu meiner momentanen Ankunft bei Apple und dem Aufbau einer parallelen Linux-Welt mit Fedora.
Jetzt stehen in gut zwei Monaten die Midterms in den USA an, und ich stelle mir eine Frage, die ich lange nicht gestellt habe: Wie viel meiner Entscheidung war eigentlich politisch motiviert – und was ändert sich, wenn sich die politische Lage nach den Wahlen verschiebt? Vielleicht stellst du dir eine ähnliche Frage, auch wenn deine Gründe andere sind.
🔄 Als die Politik den Druck erzeugte
Die Entscheidungen der US-Administration haben mich persönlich getroffen, auch wenn ich in Deutschland nicht viel bewegen kann. Ich wollte zumindest für mich selbst ein Zeichen setzen und mir nicht mehr alles gefallen lassen.
In den vergangenen Monaten hat sich gezeigt, dass die politische Situation die Technologiebranche direkt trifft. Handelsminister Howard Lutnick hat Apple öffentlich aufgefordert, keine chinesischen Speicherchips zu kaufen. Die De-minimis-Ausnahme für Importe wurde gestrichen, was Unternehmen wie Google trifft, die für ihre KI-Infrastruktur auf globale Lieferketten angewiesen sind. Trump baut außerdem schrittweise eine Art staatlichen Aktienfonds auf, indem er fallbezogen Unternehmensanteile übernimmt – 9,9 % an Intel, 15 % an einem Seltenen-Erden-Produzenten, und er hat Interesse bekundet, auch an KI-Firmen wie OpenAI Anteile zu übernehmen. Insgesamt hat die Regierung bereits rund 27 Milliarden Dollar in 30 solche Beteiligungen gesteckt. Das ist kein abstraktes politisches Umfeld mehr, sondern direkter Druck auf genau die Unternehmen, deren Produkte ich täglich nutze.
Gleichzeitig treibt die KI-Integration eine Entwicklung voran, die mich besonders beschäftigt. Google hat mit dem Pixel 11 Gemini so tief ins System integriert, dass es für mich als Nutzer keine echte Möglichkeit gibt, das zu umgehen. Bei Apple sieht das momentan anders aus: Ich kann zumindest wählen, ob ich iCloud mit Ende-zu-Ende-Verschlüsselung nutze und ob Siri und Apple AI aktiv sind. Das ist kein perfekter Schutz, aber es ist ein Unterschied, den ich im Alltag spüre. Apple baut Siri allerdings gerade um – auf Basis von Googles Gemini-Modellen. Wie viel von dieser Kontrollmöglichkeit übrig bleibt, wenn Apple KI irgendwann zur Pflicht macht, ist eine Frage, die ich nicht ignorieren kann.
🗳️ Was im November passieren könnte
Die Midterms am 3. November könnten die politische Landschaft in den USA verändern. Demokraten führen aktuell im sogenannten Generic Congressional Ballot mit knapp sieben Punkten und bräuchten in beiden Kammern nur vier Sitze für eine Mehrheit. Der Senat ist ein Kopf-an-Kopf-Rennen, das Haus neigt deutlich zu den Demokraten. Trumps Zustimmungswerte liegen bei rund 39 %, niedriger als in seiner ersten Amtszeit.
Ich habe mir überlegt, was drei mögliche Ausgänge für meine eigenen Entscheidungen bedeuten.
Behält Trump die Macht und die Republikaner verteidigen eine Kammer, setzt die Administration ihren Kurs vermutlich fort. Der Druck auf andere Länder und Unternehmen würde eher wachsen als abnehmen. Für mich hieße das, dass der Druck, der mich zur Suche nach Alternativen gebracht hat, nicht nachlässt. Die Beschäftigung mit digitaler Souveränität bliebe für mich relevant.
Gewinnen die Demokraten deutlich, ohne Trump vollständig aus dem Amt zu drängen, wird die Administration in ihrem Handeln und in der Zusammenarbeit mit anderen Ländern verlässlicher. Die demokratischen Führungen haben sich öffentlich vom Gedanken eines dritten Amtsenthebungsverfahrens distanziert und setzen auf umfassende Kongress-Untersuchungen statt auf ein Impeachment. Auch das zeigt, dass selbst bei einer starken Niederlage der Republikaner der Bruch nicht einfach rückgängig gemacht wird. Dennoch glaube ich, dass in diesem Fall der Drang hin zu europäischen Alternativen bei vielen spürbar nachlässt. Das Gefühl, schnell etwas ändern zu müssen, würde schwächer.
Gewinnen die Demokraten dramatisch und Trump tritt durch innerparteilichen Druck zurück oder wird durch ein Amtsenthebungsverfahren aus dem Amt entfernt, geht die Zusammenarbeit mit anderen Ländern wieder verlässlicher. Für mich wäre das der Moment, in dem sich die Frage am deutlichsten stellt, was von meiner Entscheidung Politik war und was Erfahrung. Meiner Meinung nach würden viele Initiativen zur digitalen Souveränität einschlafen, sobald der politische Druck nachlässt. Nicht, weil die Werte weniger wichtig geworden wären, sondern weil der Druck von außen fehlt, der viele erst auf den Weg gebracht hat.
⚖️ Was nicht nur Politik war
Ich habe in einem früheren Artikel geschrieben, dass ich aufgehört habe, nach der perfekten Alternative zu suchen, und daran hat sich nichts geändert. DeepL läuft auf US-amerikanischer Infrastruktur, Proton nutzt für Lumo chinesische Modelle, Birkenstock ist längst amerikanisch – die Welt lässt sich nicht mehr sauber aufteilen. Wer das akzeptiert hat, fragt sich: Welcher Kompromiss ist mir bewusst eingegangen, und welcher geht mir zu weit?
Mein momentanes Hauptökosystem ist Apple. Das habe ich nicht geplant und an anderer Stelle ausführlich beschrieben. Es ist der Kompromiss, der aktuell am besten zu meinen Prioritäten passt. Daneben betreibe ich mit Fedora Workstation auf einem Lenovo IdeaPad eine parallele Softwarewelt, in der ich teste, wie weit ich mit plattformübergreifenden Anwendungen komme. Proton Mail, Proton Pass, Standard Notes und Firefox funktionieren dort genauso wie auf dem Mac. Bei Office nutze ich SoftMaker Office Home NX und LibreOffice, bei Cloudspeicher warte ich noch darauf, dass Proton Drive für Linux weit genug ist. Du nutzt vielleicht ganz andere Tools – die Frage ist bei allen dieselbe: Wie viel von der eigenen Wahl war bewusste Entscheidung und wie viel war Reaktion auf den politischen Moment?
Diese Kombination aus Apple und Fedora ist nicht radikal. Sie ist das Ergebnis einer Entwicklung, die mit politischer Unzufriedenheit angefangen hat, aber inzwischen auch aus eigenen Erfahrungen besteht. Ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn KI nicht abstellbar ist. Ich weiß, was es heißt, Daten an Plattformen abzugeben, deren Geschäftsmodell ich nicht durchschaue. Diese Erfahrungen verschwinden nicht, auch wenn sich die politische Lage verändert.

🛡️ Was ich in jedem Fall tun würde
Behält Trump die Macht, die USA gehen weiter in eine Richtung, die andere Länder unter Druck setzt, und Apple macht Siri AI irgendwann zur Pflicht, dann würde ich mir ernsthaft überlegen, komplett auf Fedora und beispielsweise GrapheneOS als Hauptsystem zu wechseln. Das iPhone würde ich nur noch für die wenigen Apps behalten, die dort nicht laufen. Das wäre ein spürbarer Eingriff in meinen Alltag, aber ich habe mir in den vergangenen Monaten angewöhnt, solche Entscheidungen nicht erst zu treffen, wenn es keinen anderen Weg mehr gibt.
Kommen die Demokraten, würde ich auf Sicht der nächsten Jahre bei meinen aktuellen Betriebssystemen und Tools bleiben. Nicht, weil dann alles in Ordnung wäre, sondern weil ich mich nicht bei jedem politischen Umschwung neu erfinden möchte. Meine Tools sind gut genug für den Moment, und die Kompromisse, die ich eingegangen bin, kenne ich.
📍 Wo ich heute stehe
Der Teil meiner Entscheidung, der politisch war, könnte sich in den nächsten Monaten verändern, je nachdem, was im November passiert. Der Teil, der aus Erfahrung gewachsen ist, verändert sich dadurch nicht. Ich kenne heute meine Abhängigkeiten besser als vor eineinhalb Jahren und treffe Entscheidungen bewusster, auch wenn sie nicht perfekt sind.
Es ist Mitte August, und bis zum 3. November ist noch Zeit. Die internationale Berichterstattung dreht sich momentan vor allem um die Irankrise, aber das ändert sich, sobald der Wahlkampf in den USA richtig in Schwung kommt. Dass ich jetzt darüber nachdenke und nicht erst nach den Wahlen, ist für mich eine bewusste Entscheidung – die Frage, was von meiner Entscheidung Politik war, lässt sich ehrlicher stellen, solange das Ergebnis noch offen ist. Nach den Midterms, wenn abzeichnet, welche Konsequenzen das Ergebnis tatsächlich hat, möchte ich auf diesen Artikel zurückblicken und prüfen, was von meinen Überlegungen hier Bestand hat – vermutlich Anfang 2027.
Mich würde interessieren, wie du das siehst. Würdest du deine Tool-Wahl anpassen, je nachdem, wie die Midterms ausgehen – oder spielt die politische Entwicklung für deine Entscheidungen gar keine Rolle?
Quellen
Sämtliche Links aufgerufen am 18.08.2026.
Lutnick / Apple / chinesische Speicherchips:
- 9to5Mac: https://9to5mac.com/2026/08/14/commerce-secretary-says-us-opposes-apple-buying-chinese-memory-chips/
- Wall Street Journal: https://www.wsj.com/tech/apple-china-memory-chip-plan-57773a83
- MacRumors: https://www.macrumors.com/2026/07/01/apple-memory-chips-chinese-companies/
De-minimis-Ausnahme gestrichen:
- CNBC: https://www.cnbc.com/2026/08/13/trump-trade-court-de-minimis-tariffs-ieepa.html
- Axios: https://www.axios.com/2026/08/13/trump-de-minimis-tariff-court
- UPI: https://www.upi.com/Top_News/US/2026/08/14/court-rules-deminimis-elimination-legal/2971786703659
Google Pixel 11 / Gemini-Integration:
Apple baut Siri auf Gemini-Basis um:
Midterms am 3. November:
- New York Times (Iowa-Senate-Wahl, Wahltag Nov. 3): https://www.nytimes.com/interactive/polls/iowa-us-senate-election-polls-2026.html
Generic Congressional Ballot (D +6,7 / D +8,1):
- Silver Bulletin (Nate Silver): https://www.natesilver.net/p/generic-ballot-average-2026-nate-silver-bulletin-congress-polls
Demokraten brauchen 4 Sitze pro Kammer:
- The Independent: https://www.independent.co.uk/news/world/americas/us-politics/trump-poll-economy-midterms-2026-b3034383.html
Senat Kopf-an-Kopf (51 % Rep / 49 % Dem):
Haus neigt zu den Demokraten:
- Split Ticket / The Argument: https://www.theargumentmag.com/p/split-ticket-2026-midterms-model
Trump-Zustimmung bei 39,3 %:
Demokraten distanzieren sich von Impeachment, setzen auf Untersuchungen:
- LA Times: https://www.latimes.com/politics/story/2026-08-13/how-democrats-plan-to-rein-in-trump-should-they-win-in-november
- The Independent: https://www.independent.co.uk/news/world/americas/us-politics/trump-poll-economy-midterms-2026-b3034383.html
Trumps Wirtschaftszustimmung niedriger als in erster Amtszeit:
- Wall Street Journal: https://www.wsj.com/politics/elections/the-republican-party-is-losing-its-edge-with-voters-on-the-economy-b2450a14
Trump baut staatlichen Aktienfonds auf (Intel 9,9 %, 27 Mrd. $, 30 Beteiligungen):
- Cato Institute: https://www.cato.org/blog/government-ownership-stakes-companies-becoming-routine-under-trump
- Fortune: https://fortune.com/2026/07/26/the-u-s-government-invested-27-billion-in-corporate-stakes-good-luck-finding-them
- Yahoo Finance / Tech Insider: https://finance.yahoo.com/technology/ai/articles/openai-offer-trump-administration-5-153000566.html
- CNN: https://www.cnn.com/2026/08/17/politics/trump-capitalism-nationalism
Über den Autor

Hi! Ich bin Marcel. IT-Projektmanager aus Hamburg und Blogger seit 2018. Ich helfe anderen mit Erfahrungen zu Web-Apps und Cross-Platform-Software. Mehr über mich · Blog unterstützen
Hinweise: Bei den kursiv geschriebenen Wörtern kann es sich um eingetragene Marken oder Firmen handeln (z.B. Apple, Fedora, Google). Die Nutzung erfolgt ausschließlich zu Vergleichszwecken.
Transparenz: Ich nutze KI-Tools (z.B. Proton Lumo, DeepL Write Pro) zur schnelleren Inhaltserstellung und Optimierung. Für Bilder nutze ich Envato Elements und Tools wie Canva, Affinity und GIMP.
